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Samstag, 12. April 2014

Großmutter in Bedrängnis

Kolumne

Frage an Jesper Juul

Nach dem gestrigen sonntäglichen Mittagessen braucht die Familie Ihren Rat. Ich bin die Großmutter eines fantastischen 3jährigen Jungen, mit dem ich zum Glück oft zusammen bin. Gestern kam er mit seinen Eltern zu mir zu Besuch. Der Vater, mein Sohn, wurde von einer „milden“ Mutter und einem etwas strengeren Vater erzogen. Wir waren nicht sonderlich konsequent und oft uneins in Erziehungsfragen. Mein Sohn und seine Lebensgefährtin sind beide gleich streng und unterstützen immer einander. Außerdem sind sie sehr konsequent wenn es um Bettzeit, Essen oder andere tägliche Routinen geht. Trotz ihres verhältnismäßig jungen Alters finde ich, dass sie fantastische Eltern sind. Aber ab und an, so wie gestern, gehen sie mit ihrer „Konsequenz“ für mein Gefühl zu weit.

Während des Essens wollte der Enkel, nachdem er seine Portion gegessen hatte, den Tisch verlassen. Die Eltern sagten, dass er keine Nachspeise bekäme, würde er den Tisch verlassen. Der Enkel zog es vor, den Tisch zu verlassen und bekam einige Warnungen à la

„Wenn du nicht auf deinem Platz sitzen bleibst, bekommst du keine Nachspeise!“ Das half nichts. Als wir mit der Nachspeise anfingen, kam er natürlich und wollte auch etwas. Aber die Eltern sagten Nein. Ich wurde seinetwegen recht unglücklich, weil er zu weinen begann und eindeutig traurig war. Das sah mein Sohn und meinte, dass er die Konsequenzen seines Handelns kennen lernen müsse. Ich sagte vorsichtig, dass er vielleicht etwas zu jung sei,  um zu verstehen, was Konsequenz ist, die Eltern aber waren sich einig. Der Junge hatte die Episode bald vergessen und als die kleine Familie später am Abend heim ging, waren wir  alle Freunde, glücklich und vergnügt.

Ich mache mir keine Sorgen, wenn wir bei meinem Sohn zu Hause sind. Aber wenn sie bei uns sind, meine ich, dass ihre Regeln nicht zu 100% durchgeführt werden müssen und der Junge verstehen wird, dass die Großeltern Regeln nicht so wichtig nehmen.

Ich bin mir nicht ganz sicher, was ich das nächste Mal machen soll. Mische ich mich ein, haben die Eltern den Eindruck, dass ich Ihnen die Erziehung Ihres Sohnes aus der Hand nehme, und werden uns seltener besuchen. Das wäre für mich fürchterlich, weil ich mich über mein wunderbares Enkelkind so freue. Mische ich mich nicht ein, habe ich den  Eindruck, feig zu sein und den Jungen nicht zu „verteidigen“. Es muss erwähnt werden, dass er harmonisch, geborgen und umgänglich ist und sich nächtens ohne großen Protest zu Bett legt und gut schläft.

Welchen Rat können Sie uns geben? Grüße von einer glücklichen Großmutter

 

Antwort von Jesper Juul

Es ist keine ungewöhnliche Problemstellung, die Sie in Ihrem Brief beschreiben. Ich kann natürlich keine fix-fertige Lösung präsentieren. Aber ich kann versuchen, einige Prinzipien zu beschreiben, die sich zu respektieren lohnen.

Beginnen wir mit dem letzten Konflikt, in dem die Eltern meinen, dass Ihr Enkelkind lernen soll, dass jede Wahl Konsequenzen hat. In dem konkreten Konflikt machen sie sich eines sehr gewöhnlichen Missverständnisses schuldig – sie verwechseln Konsequenz mit Strafe. Wenn man beispielsweise bei Regenwetter ohne Regengewand oder Regenschirm hinausgeht, wird man nass. Das ist eine Konsequenz. Wenn man trotz der Ermahnungen der Eltern in den Regen hinausgeht und gescholten wird, ein „time-out“ bekommt oder auf die Gute Nacht Geschichte verzichten muss, dann ist das eine Strafe.

 

Der Unterschied zwischen Konsequenz und Strafe ist groß. Die Konsequenzen aus unseren Handlungen können unangenehm sein oder weh tun, aber sie bringen uns nicht dazu, an unserem Wert als Menschen zu zweifeln. Das tun Strafen.

Wenn ein Kind beispielsweise auf einen Stuhl hochklettert, hinunterfällt und sich am Boden verletzt, ist das eine Konsequenz der Handlung, durch die das Kind etwas über seine physischen Grenzen lernt. Die Konsequenzen – die blauen Flecken am Bein und die Beule am Kopf – erweitern die Kompetenzen des Kindes.

Wenn das Kind nach dem Fall von den Eltern gescholten, belehrt oder kritisiert wird, ist das eine (überflüssige) Strafe, die das Kind daran hindert, aus seinen eigenen Erfahrungen zu lernen. (Hirnforscher haben vor Jahren festgestellt, dass eine kritische Lernumgebung die Fähigkeit des Gehirns, etwas zu verstehen und zu merken, hemmt).

Die Eltern Ihres Enkels senden extrem unklare Signale an ihr Kind. Scheinbar ermöglichen sie ihrem Kind, die Nachspeise abzuwählen, in den Augen der Eltern hat er jedoch keine Wahl. Er soll so tun, wie sie sagen, und wenn nicht …, dann kommt die Strafe. Danach steht er verwirrt da. Kann er nun wählen oder muss er folgsam sein. Darüber hinaus haben Sie Recht darin, dass er zu klein ist, diese Erfahrung dergestalt zu integrieren, dass er seine persönliche Kompetenz steigert.

Ihr Unbehagen in dieser Situation ist also nicht nur eine Sentimentalität, sondern eine natürliche Reaktion darauf, dass das Kind unnötigem Leid ausgesetzt wird.

Ihr Sohn und Ihre Schwiegertochter haben sich dazu entschlossen, dass es wichtig ist, konsequent zu sein – noch eine Bedeutung dieses dehnbaren Wortes. – also: Wenn Vater A gesagt hat, dann sagt Mutter auch A und beide meinen nach einer halben oder einer ganzen Stunde oder auch nächste Woche A. Ist es wichtig für Kinder, dass ihre Eltern sich derart einig und konsequent sind?

Die Antwort ist Nein. Es ist wichtig, dass sich die Eltern nicht durch die Kinder, Schwiegereltern oder gute Ratschläge aus Erziehungskolumnen, wie ein Blatt im Wind drehen lassen. Aber diese militärische Form der Konsequenz ist nur dann wichtig, wenn sie die einzige mentale Stütze der Eltern ist. Das heißt: Wenn sie sich nicht die Zeit für Reflexion, Dialog und andere Dinge, die Eltern innere Sicherheit geben, nehmen können oder wollen. Ihre Beschreibung der vielen Qualitäten ihres Enkels deutet darauf hin, dass Ihr Sohn und seine Frau sehr viel mehr und Besseres zu bieten haben, weshalb ich hoffe, dass sie eines Tages selbst mehr Vertrauen in ihn setzen werden.

Ohne etwas über Ihr Verhältnis zu Ihrem Sohn und seiner Frau zu wissen, glaube ich, dass Sie in diesem Fall – und in ähnlichen Fällen – auf Ihr eigenes Alter, Ihre Erfahrung und Flexibilität zurückgreifen sollten, d. h. lehnen Sie sich ruhig zurück und lassen Sie die Dinge geschehen. Solange die Eltern dieses Konsequenz-Korsett als Stütze tragen, glaube ich nicht, dass Sie sich einmischen sollen. Lassen Sie Ihrem Enkel Ihre Großzügigkeit zukommen, wenn die Eltern nicht anwesend sind.

Ich kann ja als Großvater sehr gut verstehen, dass Sie gefühlsmäßig auf der Seite Ihres Enkels sind, aber da man in Ihrer Familie bei weitem nicht von Vernachlässigung oder fehlender Obsorge reden kann, schlage ich vor, dass Sie sich gefühlsmäßig auf die Seite Ihres Sohnes schlagen. Denken Sie an die großen Freuden und die spontanen Liebeserklärungen die ihm entgehen, weil er damit so beschäftigt ist, den Erzieher zu spielen. Das kann Ihnen Leid tun, und vielleicht können Sie etwas Aufmerksamkeit dahingehend in seinen vielbeschäftigten Vater-Kopf hineinschmuggeln.

Anders gesagt: Ihre Beziehung zum Enkel ist wahrscheinlich weitaus weniger verwundbar  als die zu Ihrem Sohn und seiner Frau – hier ist eher Vorsicht geboten. Ihr Enkel ist keineswegs gefährdet, und sollte er Sie eines Tages vorwurfsvoll anschauen und fragen, warum Sie nicht eingriffen, wenn seine Eltern stur und ungerecht waren, können Sie guten Gewissens antworten: „Weil mein Verhältnis zu deinem Vater so wichtig war und ich wusste, dass du klarkommen würdest.“

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